9. Februar 2018

Da staunt der Mieter und der Schöngeist wundert sich: "Denn er hatte mit Bauherrn zu tun, er war Senatsbaudirektor, Professor, Leiter der Abteilung Baukunst in der Akademie da fällt reichlicher Umgang an, da kann es Ärger setzen, Feindschaft sogar." Das hatte der berühmte Romancier Uwe Johnson messerscharf erkannt und seinem Akademiepräsidenten und Freund 1983 nachgerufen: "Und dennoch habe ich weder in Berlin noch auswärts einen Menschen getroffen, der über Werner Düttmann ein ungutes Wort gesagt hätte oder ein böses. Offenbar haben alle an ihm etwas gefunden, das leuchtete ein, das war achtbar, das gefiel ihnen, das liebten sie, das war ihnen recht."

Vielleicht traf Johnson nur die falschen Menschen so in Berlin und auswärts. Wie leicht rutscht eine verfeinerte Künstlerseele in Kreise ab, die armen Leuten eher fremd sind. Zumal dann, wenn ein Senatsbaudirektor Düttmann ihr Mietshaus nicht für 91.500 Mark reparieren und modernisieren, sondern samt Eigentümerabfindung für 250.000 Mark abreißen läßt und sie zwangsweise aus ihrem Kiez in ein Hochhaus am Stadtrand "umgesetzt" werden, das ein Baukünstler Düttmann für das vom Stadtplaner Düttmann entworfene Märkische Viertel konstruiert hat. Wo wiederum sie das erste eigene Bad und Klo mit dreifacher Miete büßen und aus der Zeitung erfahren, daß da, wo einst ihr preiswertes Zuhause war, ein Wohnblock vom Reißbrett des Büros Düttmann wächst großzügig gefördert mit ihren Steuergroschen.

Die obigen Mark-Beträge entnahm der Spiegel vom 9. September 1968 einer Expertise Werner Marchs, worin der wahrlich aller linken Flausen unverdächtige Architekturprofessor am Haus Wassertorstraße 5 nachwies, daß "der flotte Abriß in den Sanierungsgebieten vom Standpunkt allgemeiner Wirtschaftlichkeit kaum zu vertreten ist". Genau dafür hatte der "kleine Schinkel im Entwurfsamt", als welcher Düttmann vom Hochbau-Abteilungsleiter Robert Riedel 1959 dem Bausenator Rolf Schwedler als Senatsbaudirektor empfohlen worden war, bis 1966 die Weichen gestellt. "Zu ähnlichen Ergebnissen gelangte die West-Berliner Soziologin Ilse Balg in einem Gutachten über Kreuzberg-Althäuser, die vom Senat zum Abriß verurteilt sind", so der Spiegel, der zitierte: "Die Vorderhäuser wären durch Instandsetzung und Neuausstattung neuwertig mit einer vollen Hauslebensdauer von 50 Jahren herzurichten, und zwar für ein Drittel der Neubaukosten des sozialen Wohnungsbaus nämlich für maximal 6,4 Millionen Mark gegenüber minimal 18,1 Millionen Mark reiner Neubaukosten."

Im "Abschlußbericht der Sanierung Kreuzberg Kottbusser Tor" seufzten die Experten der STERN GmbH 1991: "Obwohl die Gutachter (March/Balg) empfahlen, die Gewerbestruktur teilweise zu bewahren und zu stabilisieren, wurde schließlich 1969 das Konzept von Prof. Düttmann durchgesetzt, das den völligen Abriß der Altbausubstanz vorsah". Besagtes Gebiet "war 1963 … ein dichtbebautes Arbeiterwohnquartier, das etwa zwischen 1850 und 1914 erbaut wurde. Der öffentliche Raum bestand aus breiten Straßen und Alleen, Platzfolgen und zwei Kanälen mit Uferpromenaden ein Verdienst des Verfassers des Bebauungsplans von 1842: Peter Joseph Lenné."

Düttmanns Plan überlebten in den drei als erste "sanierten" Blöcken ganze sechs vor 1900 sowie zwanzig von 1950 bis 1963 gebaute Häuser. Der "autogerechten Stadt" mit quer durch Kreuzberg zu schlagenden Autobahnschneisen zuliebe starben mit dem Stadtbild gewachsene soziale Strukturen. Als Aufruhr den Abriß stoppte, war Düttmann als Senatsbaudirektor längst a. D. nicht aber als freier Architekt. Sein Faible, jahrhundertealte innerstädtische Sichtachsen konsequent zu verbauen, ließ ihn Fahrbahnen mit Häusern überbrücken: 1966 am Mehring- und 1968 am Wassertorplatz. Außer der Kirche St. Agnes (1964-1967) verdankt Kreuzberg ihm durchweg Wohnanlagen: Friedrichstraße 211-216 (1968-71), Prinzenstraße 19 (1971-72), Hedemannstraße (1973-75), Markgrafenstraße 9-10 (1976-81), Graefestraße 50-64 (1979-84) und wieder in der Prinzenstraße (1982-85).

Indes waren Düttmanns Entwürfe für sich genommen nie urban, sondern schmarotzten frech an der Urbanität der Umgebung und wehrten Berlin mit Sichtbeton ab. Verliebt ins Hochparterre, setzte er die Mieter seiner an sich gut geschnittenen Wohnungen dem Straßenlärm aus, ohne sie mit der quirligen Lebendigkeit von Geschäften und Lokalen zu entschädigen. Öffnete sich doch mal ein Erdgeschoß zur Außenwelt, so statt mit heiter vorspringender Funktionsunterlagerung bloß ängstlich zurückgesetzt. Eine architektonische Unsitte, die außer einer Verschattung, die Ladeninhaber auch tagsüber zu Kunstlicht nötigt, ein Übel in Kauf nahm, das der Berliner "Piß-Ecken" nennt. In so eine hat der Uwe Johnson nie reinriechen müssen, wenn er Werner Düttmann besuchte; der Freund lebte im Eigenheim.