30. November 2018

Terror von unten basiert immer auf Notwehr." Als Ulrike Meinhof, pardon: eine 70jährige SPD-Frau den Satz schrieb, lagen die Ereignisse, auf die sie sich bezog, über 40 Jahre zurück.

Angeregt von Clara Zetkins Schrift "Das Frauenstimmrecht" hatten am 10. Januar 1908 auch "wir Schöneberger Frauen" auf der Prinz-Albrecht-Straße gestanden im Rücken Kreuzberg, vor sich den Preußischen Landtag. An dem Freitag sollte über ein demokratisches Wahlrecht entschieden werden, unterstützt von 30.000 Arbeitern, deren Stimmen das ans Einkommen gebundene Dreiklassenwahlrecht entwertete. "Niemand von uns dachte an eine Gewalttat. Wir wollten nur zeigen, daß die Arbeiterfrauen auch da sind und wollten unsere Rechte anmelden."

Die Polizei kam zu Pferde. "Mehr als eine Frau lag auf der Straße unter ihren Hufen." Im Juni sollte wie bisher gewählt werden und die offene Stimmabgabe sich rächen: "Frauen übten ihren Einfluß aus als Käuferinnen. Je nach der wirtschaftlichen Struktur des Wahlbezirks forderten sie als Kundin vom Geschäftsmann Stimmenthaltung oder offene Stimmabgabe für die Sozialdemokratie."

Es war Marie Juchacz, 1907/1908 Vorsitzende des Schöneberger Frauen- und Mädchenbildungsvereins, die diese, verglichen mit Pferdehufen, eher charmante Kunst des Klassenkampfs "Terror" nannte. Immerhin half sie der SPD, erstmals in den Landtag zu kommen, mit sieben Männern.

Am 15. März 1879 in Landsberg/Warthe dem Zimmermeister Theodor Gohlke und seiner Frau Henriette geboren, hatte sie soziale Not selbst erfahren als Dienst- und Fabrikmädchen, als Krankenwärterin. Politisiert vom Bruder Otto, war sie nach ihrer Trennung vom Ehemann, dem Schneider Bernhard Juchacz, 1906 mit der acht Jahre jüngeren Schwester Elisabeth nach Berlin gezogen, um von Männern unabhängig zu leben. "Wir gingen ohne Illusionen, wir hatten beide die Sorge für meine zwei Kinder und wußten, daß es schwer sein würde."

Zunächst im Berliner Osten, später in Rixdorf, sorgte stupide Heim-Industriearbeit fürs Nötigste auch für Zeit, frei zu denken. Ein exakt geplanter Alltag ließ Raum für Basisarbeit. Sie lernten zu agitieren, zu reden, zu mobilisieren, das sprach sich herum. "Ich wurde immer irgendwie aufgespürt, für eine Funktion ausgesucht und vorgeschlagen oder gerufen", sagte Marie Juchacz später, die noch 1908, als auch den Frauen endlich Koalitionsfreiheit zugestanden war, der SPD beitrat.

Als bezahlte Frauensekretärin für die Obere Rheinprovinz zog sie 1913 mit Elisabeth und den Kindern nach Köln. Das Ja der SPD-Fraktion zu den Kriegskrediten 1914 spürte sie "wie eine Zentnerlast, die mich drückte, wo immer ich war". Als aber ihre großen Vorbilder Clara Zetkin und Luise Zietz zur USPD übertraten, ließ sie sich von der SPD-Rechten korrumpieren: Im Mai 1917 holte Friedrich Ebert sie nach Berlin, um sie als Frauensekretärin des Vorstands sowie Chefredakteurin der Zeitschrift Die Gleichheit auf deren Stellen zu setzen.

Es erheiterte die Männer der Weimarer Nationalversammlung gar sehr, als sie am 19. Februar 1919 erstmals in einem deutschen Parlament "Meine Herren und Damen" hörten. Am Pult stand hochgewachsen Frau Juchacz, wie die Schwester eine der 37 weiblichen Abgeordneten, und rechtfertigte mitnichten ihre Wahl: "Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit. Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist." Im "Ausschuß zur Vorberatung des Entwurfs einer Verfassung für das Deutsche Reich" war sie die einzige Frau.

Auch in den ersten demokratischen Reichstag wählte man die Schwestern. Marie wirkte dort bis zur Flucht im Juni 1933, die sie 62jährig über Frankreich und Martinique nach New York führte, Elisabeth bis Juni 1920; drei Legislaturperioden SPD-Mitglied im Preußischen Landtag, starb sie am 21. September 1930 an Verletzungen, die ihr ein Nazi zugefügt hatte.
Marie Juchaczs größte Lebensleistung liegt neben der Durchsetzung des Frauenwahlrechts in der Schaffung einer staatsfernen Sozialfürsorge innerhalb ihrer Klasse. Am 19. Dezember 1919 erhielt sie vom SPD-Parteiausschuß grünes Licht zur Gründung des "Hauptausschusses für Arbeiterwohlfahrt", dessen Zentrale die SPD 1927 von der Lindenstraße 3 an den Belle-Alliance-Platz 8 verlegte, heute Mehringplatz. Dort kam auch die Wohlfahrtsschule unter.

An der Gitschiner Straße 111, nahe dem einstigen Büro der am 28. Januar 1956 krank und deprimiert in Düsseldorf gestorbenen Frauenrechtlerin weihte der SPD-Vorsitzende Martin Schulz am 18. August 2017 ein Denkmal des Künstlers Gerd Winner ein. Marie Juchacz' in Stahlplatten stilisiertes Gesicht flankieren die Worte Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Toleranz und Solidarität.

Unterdessen sitzt die 1933 aufgelöste, 1949 neu gegründete AWO wieder in Kreuzberg, Blücherstraße 62. Frauen sind 84 Prozent der 215.000 Angestellten, Männer 77 Prozent der hauptamtlichen Vorstände und Geschäftsführer. An ihrer Spitze stand zuletzt 1971 eine Frau.