13. Juli 2018

Genau besehen ist die Angelegenheit, wiewohl journalistisch eher unbefriedigend, in sich stimmig. Wie der bildende Künstler hinter sein Werk, so tritt, hehre Ideale unterstellt, der Mäzen hinter diesen zurück. Desgleichen in der angewandten, hier der Baukunst: Adressat zeitgenössischer Kritik, aber auch des Nachruhms, ist der Architekt, nicht der Bauherr.

Darum urteilt im vorliegenden Falle die Landesdenkmalliste: "Mit seinen weitgespannten Fassadenabwicklungen dominiert das Lagerhaus Süd-Ost in der Pfuelstraße 5 nicht nur das Straßenbild der Pfuelstraße, sondern auch die westliche Spreeuferkante zwischen Oberbaum- und Schillingbrücke. Das weitläufige, um drei Höfe gebaute Lagerhaus entstand 1905-07 nach Plänen des Baumeisters Kurt Berndt", der etliche Zeichen klassischer Moderne in Kreuzberg setzte. Wem zum Auftraggeber die Angabe zu spärlich ist, der einst unter "Cöpenickerstrasse 6a u. 7" verortete Komplex sei "für die Samenhandlung Julius & Paul Wissinger errichtet" worden, den werden leider die einschlägigen biographischen Lexika mit präziser Unkenntnis schon des Namens überraschen - und alle Wege nach Stahnsdorf führen.

"Herzlich willkommen auf dem Südwestkirchhof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz" heißt ein Faltblatt die Besucher "der Grabstätten berühmter Persönlichkeiten des 19. und 20. Jahrhunderts aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft". Doch wo es sonst den teuren Toten Beruf, Verdienste, Ereignisse zuordnet, handelt es die Persönlichkeit Nr. 31 knapp als "Kaufmann" ab. "Wissinger, Julius, 9. 7. 1848 7. 4. 1920" hat auch hier bloß noch als Bedeutungsträger Bedeutung: für ein "bedeutendes expressionistisches Grabmal von Max Taut". Er konnte das 1923 vollendete, auf sieben Gräber angelegte und heftig umstrittene Erbbegräbnis nicht mal selbst in Auftrag geben.

Wer waren jene Kaufleute, deren Name allenfalls mit "Kunstmäzene" kombiniert wird? Traueranzeigen verweisen auf zwei Brüder als Firmeninhaber eben Hermann Otto Julius Wissinger und Paul Wissinger (1851-1919) sowie darauf, daß der Ältere und seine 1942 neben ihm beigesetzte Gattin Amalie, geb. Schunack, drei Kinder hatten: Julius jun., Walther und Alfred. Letzterer wurde 1940 in Stahnsdorf beerdigt. Am selben Tag wie "nach kurzem Krankenlager an den Folgen einer Grippe" sein vermutlicher Großvater Julius Wissinger starb ein Säugling namens Ingrid; so wurde dies auch des Mädchens letzte Ruhestätte.

Der ein Jahr vor dem älteren Bruder am 5. April "durch einen sanften Tod in die Ewigkeit abberufene" Paul Wissinger hatte zwei Kinder: Paul jun. sowie Anna, die seine Todesanzeige formulierte. Eine Ehefrau wird darin nicht erwähnt.

Nachrufe liefern oft reichlich Stoff, indes: Zu Ehren der alten Wissingers fand sich keiner. Als wäre etwa Paul Wissinger sen. nicht sehr wohl als, wie man heute sagen würde, Lobbyist in Erscheinung getreten. 1878, im Jahr nach Etablierung der Firma in der Landsberger Straße 46/47 im Friedrichshain, wurde er Mitglied der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft. Und als am 19. Dezember 1895 ein geplantes "Gesetz zur Regelung des Verkehrs mit Handelsdünger, Kraftfuttermitteln und Saatgut" seine Branche mit Kennzeichnungs-, Gesundheits-, Umwelt- und Tierschutzpflichten bedrohte und am 28. Dezember die Samen- und Futtermittelhändler Berlins darüber berieten, war es der "Vortrag des Herrn P. Wissinger, worin näher ausgeführt und begründet wurde, daß dieser Gesetzentwurf (…) den Handel in den davon betroffenen Artikeln geradezu unmöglich machen würde". Also, berichtete die bei der Verlagshandlung Paul Parey in der Kreuzberger Hedemannstraße 10 verlegte Gartenflora, beschloß man, einen Verein der Berliner Samenhändler zu gründen und beauftragte "die Herren Wissinger, Fiegel, Metz und Werner mit den vorbereitenden Schritten für einen Zusammenschluß sämtlicher, zu dem gleichen Zwecke schon bestehenden und sich noch bildenden Vereine Deutschlands". Der erwähnte Herr Metz führte die aufs Jahr 1854 zurückgehende Sämerei A. Metz & Co.

Das Ableben der Urväter des Saatgutimperiums zeigten Julius Wissingers Söhne bereits als gemeinsame Inhaber der Firmen "A. & W. Wissinger" und "A. Metz & Co. Nachfolger" an. Vater und Onkel waren ihre Teilhaber gewesen; der frühere Rivale gehörte ihnen seit 1915.

Daß zu Wissingers, einschließlich ihres Mäzenatentums, am Ende dieser Notiz unerwartet doch noch vieles mitzuteilen bleibt, ist nicht zuletzt einem späten Zufallsfund ausgerechnet in der kleinen Friedrich-von-Raumer-Bibliothek geschuldet. Ihr Domizil ist eine 1955 erbaute, frisch sanierte Wohnanlage an der Kreuzberger Dudenstraße. Architekt war: Max Taut.

29. Juni 2018

Herr Roeren, der sich durch Nuditätenverfolgung um das Seelenheil des deutschen Volkes verdient gemacht hat, ist wieder einmal von erschrecklichen Attentaten auf die Sittlichkeit aufgestört worden und hat im Abgeordnetenhause eine Interpellation angemeldet", höhnte es am 25. November 1908 aus dem Verlag an der Lindenstraße. "In einem Lande, in dem die Nacktheit des Kindes Anstoß erregt", lästerte das "Kleine Feuilleton" des Vorwärts über den Beißer der katholischen Zentrumspartei, "hatte man es gewagt, lebendige nackte Schönheit auf Bühnen zu zeigen!"

Berlins Spektakel der Saison 1908 hatte allen voran jener Westfale skandalisiert, indem er Friedrich v. Moltke unter Druck setzte, jene "Schönheitsabende" polizeilich zu unterbinden, zu deren erstem Karl Vanselow, Publizist und Geschäftsführer des Vereins für ideale Kultur, am 18. Februar 1908 ins Neue Schauspielhaus am Nollendorfplatz geladen hatte. Trotz in jeder Hinsicht blickdichter Auflagen habe Preußens Innenminister wider den Verein aus der Dessauer Straße 38 und die obskure Nackt-Tänzerin versagt. Am 13. Januar 1909 mußte Moltke sich erklären, nachdem sich Roeren erregt hatte. Er sah eine "verseuchte Jugend", es handele sich um "skandalöse Verirrungen, um widerliche Schamlosigkeiten". Die er allerdings, anders als der Großteil seiner Kollegen in einer Sondervorstellung, nie gesehen.

"Die 'Nacktkultur' im Abgeordnetenhause Olga Desmond auf der Tribüne" lautete tags darauf die Schlagzeile der Berliner Morgenpost. So sehr das Blatt die Empörung des Hohen Hauses zu teilen vorgab, so klar huldigte es der einzigen Frau im Saal, deren Auftritt keinen mehr entblößte als Hermann Roeren: "Eine zierliche, einfach, doch schick gekleidete Dame mit niedlichem Puppengesichtchen und naiven, fast kindlichen Zügen! Eine rote Rose prangte an ihrer Brust; keck saß der breite braune Hut auf dem welligen, dunkelblonden Haar. Die Verhandlungen versetzten sie anscheinend mehr in Erstaunen als in Verlegenheit; und auch als Herr Roeren sie wiederholt mit Kraft-Ausdrücken wie 'Frauenzimmer', 'schamloses Weib' und 'nackte Frauensperson' belegte, schien sie sich weniger beleidigt als belustigt zu fühlen. Olgachen ist eben an starken Toback gewöhnt und kann viel vertragen."

Und ob! Geboren am 2. November 1890 in Allenstein/Ostpreußen, wächst Olga Antonie nach dem Umzug an die Spree ca. 1900 als Kreuzberger Göre auf. Von 14 Kindern sind Otto und Hulda Sellin elf geblieben. Man wohnt in einem von hohen Brandmauern eingeklemmten zweistöckigen Altbau, in dem Olgas Vater, ein Drucker, mit ihrem Bruder sein Gewerbe treibt: "Sellin, Bruno, Buchdruckerei, Spec.: Zeitungen, Werke, Reklame-Zettel und Karten, S Alte Jacobstr. 48a, IV." Man druckt, was der Familie zu überleben hilft: "Karten" gehen immer schwülstige "Ziegenbockkarten". Nebenbei führt Frau Sellin in der Alten Jakobstraße eine Blusen- und Kleiderhandlung. "Die Mutter, auch 'Feldwebel' oder 'Alter Fritz' gerufen, regiert mit strenger Hand." Was der Desmond-Biograph Jörn E. Runge durchaus physisch meint.

Aber sie erkennt auch früh Olgas Talente. Parallel zum Studium an der Schule des Königlichen Schauspielhauses steht die 15-Jährige Modell, so bei Lovis Corinth und Reinhold Begas, für den sich auch Adolf Salge auszieht. Als "The Seldoms" zeigt der Athlet seit 1904 mit Bruder Walter und Freund Max Beeskow "lebende Marmorskulpturen" auf Europas Varieté-Bühnen. In züchtigem Lendentuch zwar, aber das vorm Auftritt naß zu machen, hat kein Amt verboten. Olga geht mit auf Tournee, Resultat sind Spitzengagen und ein Jahr volle Häuser in London.

Die Preußische Venus aber will ihren Leib fern aller Verruchtheit rein und schön bewegen als seriöse Künstlerin. "The Seldoms" lösen sich auf; das Standmodell Olga Seldom wird als Nackttänzerin Olga Desmond zum Star in Paris, Wien, Petersburg und Leipzig, man dreht mit ihr Stummfilme, wirbt mit ihr für Kosmetik. Sie eröffnet eine Tanzschule und ist die Attraktion im Berliner Wintergarten.

Doch in den Goldenen Zwanzigern stehen Gret Palucca und Valeska Gert für modernen Ausdruckstanz. Und eine unbändige Anita Berber gibt dem Tanz das Laster zurück.

"Glanz und Ende einer Tänzerin" betitelt das Berliner Tageblatt am 15. Januar 1933 eine Art künstlerischen Nachruf, am Monatsende ist Hitler an der Macht und sie hat seit 1920 in zweiter Ehe einen Juden zum Mann. Dessen Textil-Manufactur Georg Piek G.m.b.H. in der Alten Jakobstraße 37 liefert Theaterartikel und Kostüme für die beliebten Ausstattungsrevuen, doch nun verliert sie ihre Aufträge. Zweimal glückt Georg Piek die Flucht aus KZ und Zuchthaus, er entkommt in die USA, seine Frau bleibt verarmt zurück.

Nach 1945 arbeitet Olga Piek als Putzfrau und wohnt im Souterrain der Anklamer Straße 7, Vergessen, einsam und verwirrt stirbt sie am 2. August 1964. Ihr Grab auf dem St. Elisabeth-Friedhof I an der Ackerstraße ist abgeräumt.

15. Juni 2018

Wo treffen wir uns am Donnerstag?", fragte eine Anzeige im Blatt Die Freundschaft, Heft 3/1920. "Zum Benefiz-Abend von Mieke im ‚Weißen Röß'l', Berlin SW., Neuenburger Strasse 19", so die Antwort. Die Freundschaft wandte sich ebenso an homophile Herren wie das Lokal, in dem es "Mittwochs und Donnerstags: Elitetage" und "Sonntags von 5 Uhr an: Kaffeekränzchen" gab sowie "Täglich Vorträge und Tanz. Es ladet freundl. ein: Paul Gürtler." Laut Freundschaft war es im Oktober 1919 als "Zum fidelen Schorschl" eröffnet und der Ball zur Einweihung auf die beiden Weihnachtstage gelegt worden. Sang- und klanglos schloß das Etablissement jedoch bald wieder, trotz seiner buchstäblich kräftigen Zugnummer: Mieke.

Bevor wir auf jenes Schlachtrössl der Heiteren Muse zu sprechen kommen, das uns erneut in die Neuenburger trug: Die Straße war mal ein veritabler Kultur- und Medienstandort. Daß Bühnenkünstler in ihr wohnten, auch der Literat Wilhelm Liebknecht, der Stadtarchivar Ernst Fidicin und der Literatur-Nobelpreisträger Theodor Mommsen, fand bereits Erwähnung. Als aber 1895 die Telegrafenbauanstalt Mix & Genest Kreuzberg verließ, kaufte der Verleger und Druckereibesitzer Friedrich Schirmer aus Groß Lichterfelde das Haus. Damit kam in Nr. 14a auch der Deutsche Autoren-Verlag unter, den manche Quellen der Deutschen Schriftsteller-Genossenschaft zuordnen; 1896 edierte man dort etwa im Erstdruck "Allerlei Geschichten für kleine Leser" von Felix von Stenglin. Schirmer selbst hatte am 3. Juli 1886 die Nullnummer von Dies Blatt gehört der Hausfrau herausgebracht, dessen Redaktion im Berliner Westen vagabundierte, bis 1899 auch sie in die Neuenburger zog. Da blieb sie bis zur Übernahme durch den Ullstein-Verlag 1905.

Ullsteins Blatt der Hausfrau lagen begehrte Schnittmuster bei. Der Magdeburger Kabarettist (und gelernte Schneider!) Willy Rosen besang sie 1927 im Studio von Carl Lindströms Plattenimperium an der Schlesischen Straße 26-27 für das Label Odeon: "Sei sparsam, Brigitte, nimm lieber Ullstein-Schnitte und näh' dir selbst dein Kleid!" Rosen wurde 1944 in Auschwitz ermordet, das Magazin hat bis heute überlebt als Brigitte.

Die Neuenburger Straße 8, wo sich der Zeitungsverlag von Dr. Hirschberg befand, gehörte 1916 der 1892 etablierten Buchdruckerei Strauß AG. Die Adresse war Ursprung zahlreicher Branchenperiodika wie Wochenschrift für Papier, Schiffbau-Zeitschrift, Deutsche Optiker-Zeitung oder Deutsche Uhrmacher-Zeitung der Deutsche Uhrmacherbund saß mit im Haus. Man redigierte hier Motor-Welt, Automobilwelt-Flugwelt, Sport-Welt und Rad-Welt, verlegte das "Handbuch des Reichsverbandes der Automobilindustrie", Fachblätter zu Flugzeugbau, Turbinentechnik und Strömungslehre, Lehrbücher wie "Grundbegriffe der Elektrotechnik", "Praktische Elektrotechnik" und "Der Optikermeister". Beim Einzug der Geschäftsstelle des "Fachverbands Schiffahrtstechnik des NS-Bundes Deutscher Technik" firmierte dessen Körperschaftliches Mitglied Nr. 30 längst als Deutsche Verlagswerke Strauß, Vetter & Co.

"Herzberg, Max, Kunstverlag, Berlin SW. 68, Neuenburgerstr. 37." Wie nüchtern ist die Zeile im Adreßbuch des Deutschen Buchhandels 1914 gegen das Wort "Ziegenbockkarten". Selbige bildeten damals "ein eigenes Genre meist deftiger Erotik", so Jutta Assel und Georg Jäger, die in "Vorstudien und Dokumenten zu einer Geschichte der Bildpostkarte bis 1933" just diesen als "Beispiel eines führenden, einschlägig tätigen Verlages" herausgriffen. Als "sensationelle Schlager-Neuheiten" habe er zur Leipziger Messe 1920 Vierfarb-Kartenserien mit schwülstigen Titeln wie "Heißes Blut", "Strandnixen", "Venus im Pelz", "Liebesorakel", "Der süße Backfisch", "Ein strammes Mädel" oder "Hexchen im Familienbad" angepriesen. Die Neuenburger, ein Sündenpfuhl!

Apropos: Mit seinen stark behaarten Unterarmen wäre der wuchtige Damendarsteller Mieke wohl eher als "Strammes Mädel" denn "süßer Backfisch" beim Publikum durchgegangen. "Viele 'ihrer' Vorführungen bieten dem Auge gewiß keinen ästhetischen Anblick und manche 'ihrer' Witze würden besser für einen Bouillon-Keller des Berliner Nordens, als in ein vornehmes Café des Westens passen", urteilte die Rubrik "Dielenbummel" des Blattes Freundschaft und Freiheit über die beliebte Figur. "Neulich sah ich 'sie' wieder", so der Anonymus Luginsland. "Kostümiert als ägyptische Tänzerin sah sie jedoch mehr aus wie eine der fetten Kühe des Pharaos. Ein Schönheitstanz nach Olga Desmond! Mieke in einem weißen Tüllkleidchen mit entblößten Schultern und barfuß. Einen Blumenkranz im Haar. Man wußte tatsächlich nicht, ob man lachen oder weinen soll."

Wenn die im Neuenburger-Kiez aufgewachsene, von London bis St. Petersburg als "Preußische Venus" umjubelte Nackttänzerin Desmond die Pharaonenkuh je tanzen sah, dann hat sie bestimmt nicht geweint.