4. August 2017

Ein höchst komischer Irrthum" wäre der Berliner Börsen-Zeitung am 27. November 1895 gewiß keine Glosse wert gewesen, wäre er nicht einem anonymen Konkurrenzblatt "in seiner gestrigen Abendnummer passirt. In einem Artikel 'Thielen-Brücke' überschrieben erzählt der Berichterstatter von der Besichtigungsfahrt, welche der Minister Thielen in Begleitung des Oberbürgermeisters Zelle nach Einweihung des Hafens 'Am Urban' unternommen; er erwähnt einer 'Wiener'-Brücke, welche es gar nicht giebt und der 'alten unmodernen Thielenbrücke im fernen Südosten'."

Dabei war letztere erst im Jahr davor, am 24. August 1894, nach Seiner (hier am 23. Juni porträtierten) Exzellenz benannt und tags darauf dem Verkehr übergeben worden. Berlin als Eigentümerin oblag die Instandhaltung der unter Leitung Georg Seiferts errichteten hölzernen Klappbrücke. Finanziert hatte sie aber das Magdeburger Handelshaus F. A. Neubauer, um eine ihm gehörende Liegenschaft jenseits von Landwehrkanal und Stadtgrenze zu erschließen in Rixdorf, das selbst erst 1899 zur Stadtgemeinde erhoben, 1912 in Neukölln umbenannt und 1920 ein Stadtteil Berlins werden sollte.

Rixdorf, zu Gründerzeiten immer näher an Berlin herangewachsen, hatte sich tüchtig ins Zeug gelegt. "Am Montag dieser Woche ist die nunmehr fertiggestellte Pannierstraße dem öffentlichen Verkehr übergeben und dadurch die directe Verbindung zwischen Rixdorf (Kaiser Friedrich-Straße) und dem Südosten von Berlin über die neuerbaute Thielen-Brücke endlich geschaffen", war die Hauptnachricht der Berliner Börsen-Zeitung in ihrer ansonsten marginalen Rubrik "Locales" vom 23. Oktober 1895 gewesen. "Die stattliche Straße, welche mit einer doppelten Reihe Lindenbäume bepflanzt und mit Gasglühlicht erleuchtet ist, weist schon einen sehr bedeutenden Verkehr auf und wird zweifellos bald vollständig bebaut sein, da auch die geplante elektrische Vorortsbahn ihren Weg durch dieselbe nehmen wird."

Mochte sich mit der Seifertschen Jochbrücke ein langgehegter Wunsch des Armeleute-Kiezes um die Glogauer Straße nach kürzeren Wegen aus der heute zu Kreuzberg gehörenden südlichen Luisenstadt ins Umland erfüllt haben: Realer Gewinn lockte anderswo. Getreu Wilhelm Buschs Pointe im Gedicht "Niemals" "Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge" hatte schon die Berliner Volks-Zeitung vom 17. November 1895 gestaunt: "Dem Bittgesuch von Bewohnern des Südostens um Höherlegung des Bahnkörpers der Görlitzer Bahn haben sich neuerdings zahlreiche Rixdorfer Interessenten insoweit angeschlossen, als sie eine Unterführung der Glogauer Straße wünschen. Diese würde in Verbindung mit der Thielen-Brücke und der Oberbaumbrücke eine ziemlich direkte Verbindung zwischen dem städtischen Schlacht- und Viehhof und dem Vororte Rixdorf abgeben, die namentlich so lange von großer Wichtigkeit ist, als Rixdorf fast sein gesamtes Schlachtvieh lebend von dort bezieht."

"Der Mensch, der was geschenkt kriegt, denke: Nichts zahlt man teurer als Geschenke!" Eugen Roth, der dies dichtete, zählte im November 1895 kaum zehn Monate, zu spät kam also seine Warnung zumindest mit Blick aufs Magdeburger Brückengeschenk, das sich langfristig als teuer erwies. 1915 hatte man von den ständigen Reparaturen die Nase voll.

"Ueber den Neubau der Thielenbrücke wurde eine Einigung erzielt. Die alte Holzbrücke soll durch eine massive Brücke ersetzt werden", resümierte das Berliner Tageblatt am Abend des 3. Februar 1915 die Stadtverordneten-Sitzung zu Projekten, die der Abstimmung mit Neukölln bedurften. Die Berliner Volks-Zeitung gab drei Tage später den Magistratsbeschluß weiter: "Es soll ein Abkommen mit der Stadtgemeinde getroffen werden, nach dem jede Gemeinde die Hälfte der 210000 Mark betragenden Kosten und die Hälfte der Unterhaltungskosten übernimmt."

Regulär verschob man im Weltkrieg zivile Infrastrukturvorhaben, nur drohte mittlerweile die Sperrung wegen Baufälligkeit. Im September 1915 begannen die Gründungsarbeiten zu einer Zeit, als längst tausende Facharbeiter "im Felde" lagen: vor Ypern in Gräben oder in Gräbern. Ungeklärt bleibt, wieviele von ihnen am 9. Dezember 1915 statt zum Schlachtvieh noch zu den 180000 Abonnenten der Berliner Volks-Zeitung zählten und folglich nicht auf Belgier, Briten und Franzosen, sondern dieses Inserat stießen: "Maschinisten u. Heizer f. Dampframme gesucht. Meldungen Neubau Thielen-Brücke, Glogauerstraße."

Bekannt ist hingegen der Fünfzehnte einer Liste mit 17 Architekten, diplomierten und angehenden Ingenieuren, die das Zentralblatt der Bauverwaltung am 2. Weihnachtstag 1914 auf Seite eins setzte: "Seifert, Georg, Regierungsbaumeister und Patentanwalt, Inhaber des Eisernen Kreuzes, Charlottenburg." Gefallen "auf dem Felde der Ehre", blieb ihm der Abriß seiner Holzbrücke erspart.

21. Juli 2017

Sonnabend nachmittag, Prime Time der Volksbelustigung. Die Sonne bestrahlt freundlich die Ladestraße des früheren Anhalter Güterbahnhofs, die heute zum Deutschen Technik-Museum Berlin gehört. Kinder behüpfen eine Hüpfburg, tapfer singt die Band On My Strings für drei Leute vor der Bühne Amy Macdonalds "This is the Life" nach.

Alles ist schön, nur Freund Gerald und ich fallen mal wieder unangenehm auf. Ein Kunststück, das uns spielend mit der Frage glückt: "Warum dürfen sich Ärgernisse wie Ista, Vodafone und Telecolumbus hier als edle Sponsoren präsentieren?" Keiner ist auf Querulanten vorbereitet. "Ärgerlich?" Einige Standbetreuerinnen hören sich geduldig an, was wir von Ablesediensten wie Ista & Co. halten. "Abgesehen von lästigen Hausbesuchen, für die vorausgesetzt wird, daß der Mieter dafür Urlaub nimmt, bekäme jeder Sechstklässler die Heizkostenabrechnung locker hin, welche die sich teuer bezahlen lassen", erklärt Gerald. "Aber das ist doch für Sie kostenlos!" Gerald holt tief Luft: "Nur, weil ich dem Ableser beim Gehen keinen Zehner in die Hand drücke, ist das noch längst nicht kostenlos."

Die Frau ist Angestellte einer Wohnungsbaugenossenschaft und als solche abgestellt zum traditionellen, erstmals in Kreuzberg veranstalteten "Wohntag". Gleich wird er sie wohl damit behelligen, daß uns heute auch Genossenschaften durch Exklusiverträge Kabelmonopolisten in die Fänge treiben und so die freie Anbieterwahl für Fernsehen, Internet und Telefon verhindern. "Ist denn jemand vom Vorstand anwesend?" Ich habe Gerald unterschätzt. Allseits Bedauern: Ein Vorstand ist hier, aber nicht da. "Unserer ist im Meeting", lautet die originellste Auskunft.

"Genossenschaften sicher wohnen, unbeschwert leben!" Na, wenn das so leicht ist, wie das Motto des 23 Berliner Wohnungsgenossenschaften vereinenden Verbands verspricht!

"Guten Tag, ich möchte wohnen wie ein Eigentümer und flexibel sein wie ein Mieter", zitiere ich, einem jungen Mann in grünem Verbands-Poloshirt zugewandt, aus einem Faltblatt. Mir dieses entwindend weist er auf die Rubrik "In fast jedem Bezirk zu Hause Adressen und Bestände". Mein Begehr sei ein sicheres Logis in Kreuzberg. "Oh, da hat nur die EVM etwas. Die stehen dort drüben." Ja, der Erbbauverein Moabit eG hat etwas in Kreuzberg: im Prinzip. Alle seine hiesigen Wohnungen sind vergeben. "Ich würde eintreten und warten, bis eine frei ist." Nein, reicht mir der Angestellte die "Allgemeine Wohnungsbewerbung". Mitglied werde nur, wer bei der EVM wohnt.

Daß das wie beim Hauptmann von Köpenick sei: ohne Papiere keine Arbeit, ohne Arbeit keine Papiere, wollen der Standbetreuer nicht gelten lassen noch ein hinzutretender Rentner glauben. Er sei vor 50 Jahren als Genosse aufgenommen und später mit einer Wohnung versorgt worden. Heute, werden wir belehrt, führe man Wartelisten eine davon für Mitglieder. Erst, wenn sich unter Letzteren für eine Wohnung kein Nutzer finde, biete man sie Neubewerbern an. "Die unvermietbaren Wohnungen, meinen Sie?" Verlegen kann der EVM-Mann den Alten nur anlächeln.

"Guten Tag, ich möchte wohnen und sparen", tippe ich auf die Tafel am Stand des BWV zu Köpenick eG mit "über 5000 Wohnungen verteilt im Berliner Stadtgebiet und Schöneiche bei Berlin" und keiner in Kreuzberg. Am nächsten läge noch Tempelhof. Die Jährchen bis zum Wohnen ließen sich mit Sparen überbrücken, dafür nähme man mich sogar auf! "Als Mitglied des BWV legen Sie Ihr Geld direkt bei der Spareinrichtung Ihrer Genossenschaft an." Diese sichere damit "zuverlässig den Bestand an preisgünstigem und lebenswertem Wohnraum". Prima! Warum nur soll der Wohn-Interessent sein Nettoeinkommen angeben? Schon die EVM wollte den Betrag wissen. Reicht's nicht, die Nutzungsgebühr, wovon auch immer, pünktlich zu zahlen? Ein böser Verdacht will zum Genossenschaftsgedanken nicht passen. Das heißt: zu meinem Genossenschaftsgedanken. Eine Social-sorting-Debatte vereitelt Gerald: "Komm weg hier, heute ist das Museumsdepot in der Monumentenhalle geöffnet."

Warum bestaune ich nicht entspannt historische Busse, Laster, U- und S-Bahn-Wagen? Warum muß ich dieses grüne Polohemd beim Ablichten alter Fahrscheinautomaten stören? "Guten Tag, Sie sind bestimmt ein Vorstand." Treffer! Jens Kahl ist Technischer Vorstand der Berliner Baugenossenschaft eG. Der Ärmste; seine vielen Informationen summiert mein Hirn letztlich doch bloß zu der Erkenntnis, daß "Wohnungsgenossenschaften ganz normale Unternehmen" sind, die mit allerlei Trallala von Häkelkurs bis Hoffest eine Gemeinschaft simulieren. Als solidarischer Stachel im profitorientierten Wohnungsmarkt auch politische Interessen vertreten? Dann hätten sich ihre Eigentümer im 2006er Reformgesetz gewiß nicht zu Mitgliedern degradieren lassen, sondern hießen wie seit dem 1. Oktober 1889: Genossen.