21. Juli 2017

Sonnabend nachmittag, Prime Time der Volksbelustigung. Die Sonne bestrahlt freundlich die Ladestraße des früheren Anhalter Güterbahnhofs, die heute zum Deutschen Technik-Museum Berlin gehört. Kinder behüpfen eine Hüpfburg, tapfer singt die Band On My Strings für drei Leute vor der Bühne Amy Macdonalds "This is the Life" nach.

Alles ist schön, nur Freund Gerald und ich fallen mal wieder unangenehm auf. Ein Kunststück, das uns spielend mit der Frage glückt: "Warum dürfen sich Ärgernisse wie Ista, Vodafone und Telecolumbus hier als edle Sponsoren präsentieren?" Keiner ist auf Querulanten vorbereitet. "Ärgerlich?" Einige Standbetreuerinnen hören sich geduldig an, was wir von Ablesediensten wie Ista & Co. halten. "Abgesehen von lästigen Hausbesuchen, für die vorausgesetzt wird, daß der Mieter dafür Urlaub nimmt, bekäme jeder Sechstklässler die Heizkostenabrechnung locker hin, welche die sich teuer bezahlen lassen", erklärt Gerald. "Aber das ist doch für Sie kostenlos!" Gerald holt tief Luft: "Nur, weil ich dem Ableser beim Gehen keinen Zehner in die Hand drücke, ist das noch längst nicht kostenlos."

Die Frau ist Angestellte einer Wohnungsbaugenossenschaft und als solche abgestellt zum traditionellen, erstmals in Kreuzberg veranstalteten "Wohntag". Gleich wird er sie wohl damit behelligen, daß uns heute auch Genossenschaften durch Exklusiverträge Kabelmonopolisten in die Fänge treiben und so die freie Anbieterwahl für Fernsehen, Internet und Telefon verhindern. "Ist denn jemand vom Vorstand anwesend?" Ich habe Gerald unterschätzt. Allseits Bedauern: Ein Vorstand ist hier, aber nicht da. "Unserer ist im Meeting", lautet die originellste Auskunft.

"Genossenschaften sicher wohnen, unbeschwert leben!" Na, wenn das so leicht ist, wie das Motto des 23 Berliner Wohnungsgenossenschaften vereinenden Verbands verspricht!

"Guten Tag, ich möchte wohnen wie ein Eigentümer und flexibel sein wie ein Mieter", zitiere ich, einem jungen Mann in grünem Verbands-Poloshirt zugewandt, aus einem Faltblatt. Mir dieses entwindend weist er auf die Rubrik "In fast jedem Bezirk zu Hause Adressen und Bestände". Mein Begehr sei ein sicheres Logis in Kreuzberg. "Oh, da hat nur die EVM etwas. Die stehen dort drüben." Ja, der Erbbauverein Moabit eG hat etwas in Kreuzberg: im Prinzip. Alle seine hiesigen Wohnungen sind vergeben. "Ich würde eintreten und warten, bis eine frei ist." Nein, reicht mir der Angestellte die "Allgemeine Wohnungsbewerbung". Mitglied werde nur, wer bei der EVM wohnt.

Daß das wie beim Hauptmann von Köpenick sei: ohne Papiere keine Arbeit, ohne Arbeit keine Papiere, wollen der Standbetreuer nicht gelten lassen noch ein hinzutretender Rentner glauben. Er sei vor 50 Jahren als Genosse aufgenommen und später mit einer Wohnung versorgt worden. Heute, werden wir belehrt, führe man Wartelisten eine davon für Mitglieder. Erst, wenn sich unter Letzteren für eine Wohnung kein Nutzer finde, biete man sie Neubewerbern an. "Die unvermietbaren Wohnungen, meinen Sie?" Verlegen kann der EVM-Mann den Alten nur anlächeln.

"Guten Tag, ich möchte wohnen und sparen", tippe ich auf die Tafel am Stand des BWV zu Köpenick eG mit "über 5000 Wohnungen verteilt im Berliner Stadtgebiet und Schöneiche bei Berlin" und keiner in Kreuzberg. Am nächsten läge noch Tempelhof. Die Jährchen bis zum Wohnen ließen sich mit Sparen überbrücken, dafür nähme man mich sogar auf! "Als Mitglied des BWV legen Sie Ihr Geld direkt bei der Spareinrichtung Ihrer Genossenschaft an." Diese sichere damit "zuverlässig den Bestand an preisgünstigem und lebenswertem Wohnraum". Prima! Warum nur soll der Wohn-Interessent sein Nettoeinkommen angeben? Schon die EVM wollte den Betrag wissen. Reicht's nicht, die Nutzungsgebühr, wovon auch immer, pünktlich zu zahlen? Ein böser Verdacht will zum Genossenschaftsgedanken nicht passen. Das heißt: zu meinem Genossenschaftsgedanken. Eine Social-sorting-Debatte vereitelt Gerald: "Komm weg hier, heute ist das Museumsdepot in der Monumentenhalle geöffnet."

Warum bestaune ich nicht entspannt historische Busse, Laster, U- und S-Bahn-Wagen? Warum muß ich dieses grüne Polohemd beim Ablichten alter Fahrscheinautomaten stören? "Guten Tag, Sie sind bestimmt ein Vorstand." Treffer! Jens Kahl ist Technischer Vorstand der Berliner Baugenossenschaft eG. Der Ärmste; seine vielen Informationen summiert mein Hirn letztlich doch bloß zu der Erkenntnis, daß "Wohnungsgenossenschaften ganz normale Unternehmen" sind, die mit allerlei Trallala von Häkelkurs bis Hoffest eine Gemeinschaft simulieren. Als solidarischer Stachel im profitorientierten Wohnungsmarkt auch politische Interessen vertreten? Dann hätten sich ihre Eigentümer im 2006er Reformgesetz gewiß nicht zu Mitgliedern degradieren lassen, sondern hießen wie seit dem 1. Oktober 1889: Genossen.

7. Juli 2017

Vor exakt 250 dieser Kreuzberger Notizen nahm ich Sie mit ins "Moviemento" am Kottbusser Damm 22. Anlaß war die ein Jahrhundert zurückliegende Einrichtung eines Kinematographen-Theaters durch den Gastwirt Alfred Topp.

Die Hosen klatschnaß vom Berliner Monsun, stehe ich letzten Donnerstag wieder dort vor der Kasse. Hätte ich die Wahl, wählte ich "Der kleine Maulwurf". Mir bleibt aber keine Wahl; erstens maulwurfte es schon am Vormittag, und zweitens bin ich zur Premiere einer Homo-Dokumentation angemeldet: "Mein wunderbarer Waschsalon", pardon: "Mein wunderbares West-Berlin".

Wie absurd das ist, abends auf ein einstiges schwules Freiheitsversprechen namens West-Berlin zurückblicken zu wollen  in demselben West-Berlin, wo am nächsten Morgen, wie die Weltpresse droht, der Bundestag die angebliche "Ehe für alle" beschließen wird. Jenes historische Scheitern zusammenzufassen reichen dem Moviemento-Wochenflyer zehn Worte: "Von schwuler Subkultur hinter verschlossenen Türen zu einer bürgerlichen Schwulenwelt". Anstatt mich zu besaufen tue ich mir volle 98 Minuten so was an: "'Mein wunderbares West-Berlin' porträtiert die Höhen und Tiefen einer Emanzipationsbewegung, die ihren Weg nahm vom Leben und Lieben im Geheimen in der Nachkriegszeit über eine Zeit des Aufbegehrens in den 70er Jahren hin zu neuen Lebensentwürfen und dem Thema HIV/Aids in der Zeit vor dem Mauerfall."

"Meine erste Berlin-Erinnerung ist 1977. Im Dezember fuhr meine Klasse für eine Woche nach Berlin. Bei eiskalten Temperaturen und ohne jeglichen Sonnenstrahl wohnten wir in einem Wohnheim im grauen Kreuzberg." So holpert sich Jochen Hick, 1960 in Darmstadt geboren, erstmal selbst in seinen Film was immer das soll. Entkam doch der Regisseur seiner Provinz, wie er sagt, nach Hamburg. Aber einmal drin im Berlin-Streifen, setzt er sich fortan öfter ins Bild, was dem Werk abseits der Information, wie schön Hick ein gelber Rucksack aus einer Menschentraube heraushebt, schwerste Bedeutsamkeit verleiht. Was wären auch Quellen des Schwulen Museums wert, die vom Autor nicht selbst mit weißen Handschuhchen angefaßt wurden?

Immerhin hat Hick noch weitere dreißig Zeitzeugen, wie ich vermute: befragt. Aber wonach? Wahrscheinlich zuerst nach alten Fotos oder Schmalfilmen, weil das verfügbare Rohmaterial zu dünne war im Sender Freies Berlin, der heute anders heißt, aber ganz der alte ist. Dann nach der Gratis-Überlassung der weltweiten Verwertungsrechte an den Schnipseln; bitte hier unterschreiben, kleine Formsache. Soweit das Wesentliche, Kamera ab!

Schnuppe war Hick dagegen offenbar, wer da vor ihm saß: ob C-Promis in ihrer Dämlichkeit nur Banales über sich oder integre Schwulenaktivisten intensiv Durchdachtes mitzuteilen haben, ob die homophile Archivmaus prämortal noch rasch ihre Identifikation mit dem politischen Gegner oder der einstige "undogmatische Marxist" urbi et orbi seinen Lover im Enkelalter vorzeigen will, der rein zufällig ein süßer Syrien-Flüchtling und bei selbstloser Aufnahme ins Schlafgemach ebenso zufällig ziemlich pleite war.

Dank Hick sitze ich wie im Wartezimmer, wo Wegwurfsendungen ausliegen, die Gala und Bunte heißen und in Rubriken wie "Was wurde eigentlich aus …?" melden, wer noch Rente bezieht. So ungefähr funktioniert "Mein wunderbares West-Berlin". Wobei Hick notgedrungen ein bißchen politische Atmo einstreut in Bild und Ton die Off-Stimme gehört auch ihm, durfte halt nicht viel kosten , damit das nach dem aussieht, wofür man es halten soll: einem Dokumentarfilm.

Indessen flimmert mich im Moviemento eine unstrukturierte, oberflächliche Nummernrevue für ergraute Smalltown Boys an, die der Insel ihrer verlorenen Jugend nachtrauern. So was verursacht kein Regisseur mit Interesse am, nun ja: Thema und klarer Haltung. Der griffe mit Sachkunde ein, wollte ein Wolfgang Theis ihm weismachen, "daß die Schwulenbefreiung durch den Kapitalismus passiert und nicht durch die Arbeiterklasse und nicht durch den Sozialismus" und postulieren: "Der Kapitalismus hat uns befreit, der Kapitalismus brauchte uns, der braucht so was Hedonistisches, was shoppen geht und einkauft." Der wüßte, der Kapitalismus braucht vor allem den Biedermann, der im Schwulen-Museums-Mitgründer zeitlebens herumspukte und daß bieder "nützlich" heißt.

So, wie auf das Huhn, das unterm Getreidesilo scharrt, auch mal ein fettes Korn herabrieselt, fiel Hick eine Szene zu, die ich für nicht weniger als die Essenz des Films halte. Detlef Mücke, der einst die schwulen Lehrer anführte, und Wolfgang Theis bereden, wie sie an ihre Bundesverdienstkreuze gelangten: In der Regel schlug man sich gegenseitig für die Ehrenrührung vor. Wunderbares West-Berlin! Was wurde daraus? Nichts. Es blieb, was es immer war: politisch bis ins Mark korrupt und dabei so weltstädtisch wie, sagen wir mal: Darmstadt.