24. November 2017

Wenn Ihnen zum wer weiß wievielten Mal ein Fremder über den Weg läuft oder Sie ihm, da der es nicht mehr kann und Sie denken: Wo, wann und wie kam der her, so stehen bestimmt der Totensonntag bevor und Sie mit einem Bündel Tanne auf dem naßkalten Friedhof. Sage niemand, das Grab Ihrer lieben Erbtante wäre nicht beizeiten winterfest gemacht worden.

"In Dankbarkeit errichtet von der Sing-Akademie zu Berlin" wurde ein hoher schwarzer Granit mit Reliefporträt. Goldlettern weisen den Fremden als Professor Martin Blumner aus. Für mehr böten sich biographische Lexika an, die jedoch "Leben" als Karriere mißdeuten: kalt und leichenblaß. Den Menschen muß man mühsam selbst suchen. Und findet mit Glück einen Brief, dessen in feiner alter Handschrift verfaßtes Original ein Antiquar für 160 Euro feilhält:

Verehrter Herr Musikdirektor! Indem ich mir die Ehre gebe, beifolgend Ihnen ein Exemplar meiner soeben erschienenen Duette zu übersenden, ist es mein einziger Wunsch, daß dieselben Ihres Beifalles würdig sein, und Ihnen zur öfteren Anwendung geeignet erscheinen möchten. Mir die Ehre vorbehaltend, in einigen Tagen verabredetermaßen persönlich mich bei Ihnen einzustellen, zeichne ich mich Hochachtungsvoll und ergebens: Martin Blumner.

Mit "Berlin, den 11. April 1851" datierte diesen Bittbrief ein 23-Jähriger. Am 21. November 1827 im mecklenburgischen Fürstenberg geboren, war Martin Traugott Wilhelm Blumner der Sohn des dortigen, aus Dresden stammenden Distriktarztes Dr. Johann Rudolph Blumner (1795-1857) und seiner Frau Charlotte Sophie. Die Mutter strenggläubige Tochter des Stendaler Generalsuperintendenten Johann Christian Jani (1738-1813), der Vater musizierfreudig: Die Liebe zur Kirchenmusik lag nahe.

Seit 1845 als Student der Theologie, Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaften in Berlin und gleich der Sing-Akademie beigetreten, stieg er 1847 auf Komposition und Gesang um. Mit 26 Jahren Dirigent eines Chors von Weltrang, konnte "M. Blumner, Musikdirector" sich 1853 einen eigenen Hausstand leisten. 34 Jahre sollte er nah am Stammhaus der Philharmonie wohnen, die er eng an die Sing-Akademie band. Er zog von der Bernburger in die Köthener und retour und zuletzt in die Kleinbeerenstraße, bis dem "ord. Senatsmitglied der Akd. d. Künste" 1887 lebenslang die Dienstwohnung Am Festungsgraben 2 zustand.

"Grosses Aufsehen machte das erste Concert der Sing-Akademie" schrieb am 9. Dezember 1854 der Berlin-Korrespondent der Niederrheinischen Musik-Zeitung mit Blick auf einen "Psalm von Blumner, dem zweiten Director der Sing-Akademie, über dessen Oratorium 'Columbus' ich Ihnen im vorigen Jahre manches Rühmliche berichten konnte". Besagter Psalm sei "im Ganzen etwas zu weich gehalten", wurde moniert. "Manches lehnt sich an Mendelssohn an." Das hielt man dem Vertreter des "biblischen Oratoriums alten Stils" oft vor. "Von Martin Blumner's drei Oratorien: Columbus (1853), Abraham (1859) und Der Fall Jerusalems (1875), verschwanden die beiden ersten früh, das letzte spät. Es sind das Beiträge zu jener Art von Kompositionen, die weder Ernst noch Gründlichkeit vermissen lassen und doch nur wie Musik aus zweiter Hand anmuten", so Arnold Schering in seiner "Geschichte des Oratoriums" von 1911. "Blumner schwankt zwischen Mendelssohn (Sologesänge), Händel (Chorsatz, Chorthematik) und Bach (Choralverwendung)" aber das Publikum applaudierte. So schrieb am 2. Juni 1884 die Altistin Hermine Spies ihrer Familie über ihr Gastspiel beim Breslauer Musikfest, "die Arie in dem 'Fall Jerusalems' von Blumner wurde endlos beklatscht, meistens schon mitten hinein".

Die Altistin lenkt die Gedanken zurück zum Friedhof Dreifaltigkeit I, wo links neben dem Martin Blumners ein Obelisk an Henriette Blumner "* 7. März 1817, † 20. März 1894" erinnert. Nur dank des in Stein gemeißelten Mädchennamens ließen sich noch als Eltern der Kgl. Gouvernements-Kriegs-Commissarius Friedrich Hallervorden und die ihm am 8. Dezember 1815 angetraute Henriette Salpius ermitteln und daß sie 1837 als Altistin in die Sing-Akademie eintrat. Als man ihr den am 16. November 1901 nach dem zweiten Schlaganfall gestorbenen Mann an die Seite legte, stand am Grab ihre Nachfolgerin: Hedwig Blumner, geb. Müller, ebenfalls Alt, hatte bei Blumner ab etwa 1879 Solopartien in Händel-Oratorien gesungen. Der letzte Adreßbucheintrag vermerkt sie 1933 als "Frau Prof. Dr. Hedwig Blumner".

Kinder hatte Martin Blumner wohl nicht, dafür aber zwei Brüder. Sigismund, ein Jahr älter und Pianist, starb 1893. Otto Wilhelm, Jahrgang 1833, war Pastor in Diesdorf bei Magdeburg und sprach zum Begräbnis am 21. November 1901 Gebet und Segen. Warum indes keine Quelle Emilie Sophie Friederike Ernestine Pauline Blumner als seine Schwester zumindest erwähnt? Vielleicht, weil sie aus der anstößigen zweiten Ehe seines Vaters mit Emilie Ehrich stammte. Die 1837 Geborene starb 1922 in Halle/Saale.

10. November 2017

Menschen gibt es, die kommen nicht auf die Welt, die sind einfach da. So selbstverständlich sind sie da, daß selbst enge Freunden vergessen, woher sie kamen. Man merkt es erst, wenn ein Fremder fragt wie nach Volker Baasner, geboren am 3. Februar 1941.

"Über Volkers Herkunft weiß ich nichts oder nichts mehr", gesteht Wolfgang Osswald. "Wenn er nicht in Berlin geboren ist, dann aber nicht weit entfernt. Aus einer bürgerlichen Familie kam er, erwähnte mal Bruder und Schwester und war wohl der Jüngste." Ab 1974, soviel ist immerhin amtlich, wohnte er in der Duisburger Straße 1 in Wilmersdorf, zog 1979 am Schöneberger Friedrich-Wilhelm-Platz in die Schmargendorfer Straße 21 und wurde 1986 für eine Dekade Kreuzberger: in der Taborstraße 6.

Am ersten September-Wochenende 1981 wurde in der Kreuzberger Hollmannstraße 19 das "Kommunikations- und Beratungszentrum homosexueller Frauen und Männer e.V." eröffnet. In der alten, vom Bezirk überlassenen Arbeiter-Baracke teilten sich eine Frau und ein Mann ein Gehalt. "Alle anderen, auch Volker, arbeiteten ehrenamtlich. Das Motto war: Betroffene beraten Betroffene." Die Woche darauf saß der 24jährige Jura-Student W. Osswald seinem 16 Jahre älteren Berater gegenüber. Drei lange Stunden. Lang genug für Volker Baasner, sich in seinen ersten Klienten zu verlieben.

Kein Paar wurden sie, bloß Freunde, und der Klient später selbst Psychotherapeut. "Volker kam über die 'Homosexuelle Aktion Westberlin' in Kontakt zur Schwulenbewegung", sagt er rückblickend. "Ich glaube, daß eher Gründe der Selbstfindung ausschlaggebend waren, als politischer Aktivismus." Denn es gab da eine Vergangenheit. "Volker war verheiratet, hatte einen Sohn, den er lange nicht sehen durfte. Seine Ex-Frau hatte sein Schwulsein abgelehnt, war aber auch gekränkt, da Volker ein Doppelleben geführt hat." Sex unter Männern auf öffentlichen Klos, wie Millionen braver Ehegatten. "Mit seinem Sohn kam es mehr oder weniger zum Frieden, mit seiner Ex-Frau nie." Der Apotheker hatte mit ihr eine Offizin am Breitenbachplatz in Dahlem geführt.

"Für Volker begann die Zeit der Umorientierung. Zunächst machte er eine mehrjährige Weiterbildung in körperorientierter Psychotherapie nach Boyesen." Kurs folgte auf Kurs, so der Freund, doch ohne Abschlüsse, die das Psychotherapeutengesetz anerkannte. "Zumindest hätte er eine Heilpraktikerausbildung und -prüfung absolvieren müssen." Davor habe er wohl Angst gehabt. "Die letzten Jahre wurde er immer esoterischer, was auch dazu führte, daß unser Kontakt zu Ende ging. Ich empfand ihn als 'Immersucher' und 'Seltenfinder'."

"Ich habe zwei Jahre mit Volker am Friedrich-Wilhelm-Platz gewohnt, als ich mich von meinem ersten Freund Wolfgang Osswald getrennt habe", so Christian Denzin, auch er einst Mitstreiter der Schwulenberatung. "Ich habe ihm emotional viel zu verdanken. Wir waren befreundet und ich damals noch ein junger Bengel." Sein Gedächtnis fügt dem Namen Bilder hinzu vom "gemeinsamen Sommerurlaub in Frankreich mit der damaligen Männergruppe: 'Blitzlichter' in Konfliktmomenten am Rande der Autobahn. Das waren die glücklichsten Momente meines Lebens."

"Volker war meiner Einschätzung nach nie völlig einverstanden mit seinem Körper. Er war groß, sehr dick, ich glaube 120 kg, und stark behaart. Er hat wenig Wert auf Kleidung gelegt", meint Osswald, "war eher zurückhaltend, schüchtern und kein 'Hans Dampf'. Seine Wirkung kam über seine Herzlichkeit, Wärme und Fürsorglichkeit. Dennoch: Wenn er den Raum betrat, kam eine Persönlichkeit herein und kein Mäuschen."

"Im privaten Leben war er Einzelgänger, zumindest nach dem Ende seiner langjährigen Beziehung mit Marcus Nicolaou. Vielleicht die Liebe seines Lebens." Der bildschöne Zyprer, wie Osswald bis heute schwärmt, starb Anfang der 90er Jahre an AIDS. Unter den elf Leuten, die 1983 die Deutsche AIDS-Hilfe gründeten, befand sich übrigens auch: Volker Baasner.

Ihn schilderte Denzin Ende 1997 als "Pionier im Suchen und Beschreiten neuer Wege", als "lebhafte, launische und sensible Persönlichkeit", die "ohne formale Etikette als Berater, Organisator und Körpertherapeut" agierte. "Meilensteine" habe er "mit seinem Engagement für sexuelle Emanzipation alternativer Lebensformen geschaffen". Es war der Nachruf auf Baasner im Magazin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

"Volker starb an einem Herzinfarkt in der Linie 7 im U-Bahnhof Hermannplatz", teilt Denzin mit, laut Osswald ein "Sekundentod in der U-Bahn. Alleine!"

Zum 20. Sterbetag am 14. November ruht der schlichte Stein nahe der Zossener Straße in einer umzäunten Doppelgrabstelle am Hauptweg des Friedhofs I der Jerusalems- und Neuen Kirche: überwuchert, unsichtbar. Er selbst sei, so Wolfgang Osswald, nie dort gewesen. Und nein, als glücklicher Mensch sei Volker Baasner bestimmt nicht gestorben.

27. Oktober 2017

Wer sich meine altmodischen Notizen via Smartphone zu lesen traut, darf sich nicht wundern, wenn ich ihn dafür mit den unschuldigen Anfängen der Telekommunikation behellige. Also:

Ein Mittwoch vor 140 Jahren gilt heute als Geburtstag des Fernsprechers in Deutschland. An jenem 24. Oktober 1877 wurde auf Geheiß des General-Postdirektors Heinrich Stephan im Berliner Haupttelegrafenamt Französische Straße mit Alexander Graham Bells Telephon-Apparaten experimentiert. Ein Ortsgespräch führte man allerdings erstmals am Freitag; am anderen Ende der Leitung meldete sich das General-Postamt Leipziger Straße. Mittwochs darauf noch eine Premiere: Im November 1832 war Magdeburg die erste Stadt gewesen, in die man aber nur bei Fernsicht! Depeschen aus Berlin per Zeiger-Telegraf hatte senden können. Nun, am 31. Oktober 1877, war es ebenso Ziel des ersten Ferngesprächs im Reich.

Stephan, der seit 1875 ein Kabelnetz zwischen großen deutschen Städten hatte anlegen lassen, folgte fortan der Devise "Jedem Bürger sein Telephon!" Wohin das führte: siehe oben.

Mit Kreuzberg hat all dies kaum zu tun, und doch lockt Heinrich von Stephan alljährlich hunderte Besucher aus aller Welt hierher. Nicht zur Reichs- und nun Bundesdruckerei, deren Gründung er anregte, sondern vors Hallesche Tor an den Ort, wo der am 8. April 1897 infolge Diabetes verstorbene Initiator des einheitlichen Weltpostwesens begraben liegt.

"Der Bildhauer und Begas-Schüler Joseph Uphues", urteilte das Landesdenkmalamt, als es vor Jahren um Spenden für eine Restaurierung warb, "entwarf ein prächtiges Grabmal aus weißem Marmor, das eine neubarocke Trauernde mit Lorbeerkranz zeigt, die an einem Obelisken lehnt. Der in Stufen ansteigende Standsockel zeigt auf der Front eine in Formen des Jugendstils gestaltete, ehemals goldfarben gefaßte Sonne als ein Symbol 'ewigen Friedens'. Von drei Seiten umschließt ein schmiedeeisernes Gitter mit Mohnkapseln und Rosen die Grabstätte, in der auch Elisabeth von Stephan beigesetzt ist." In "Ausbesserung der Marmorfigur, Reinigung, Festigung von Figur und Sockel, Entrostung und teilweisen Ersatz des Ziergitters" flossen letztlich 10.000 Euro. "Dieses Grab wurde bereits gerettet", verkündet seit 2015 die Spenden-Website.

"Gewitter und Sturmböen zogen in den Abendstunden und auch in der Nacht über Berlin und Brandenburg hinweg", berichtete der RBB am 27. Dezember 2016. "Größere Schäden wurden bislang aber nicht gemeldet." Doch es gab sie. Auf dem Friedhof Dreifaltigkeit I lag eine hundehaufenähnliche Wintereinhausung in Trümmern. Um einige Grade verdreht ragte das Standbild, welches sie vor Nässe- und Frostschäden hatte schützen sollen, auf zwei Seiten über den Rand seines Sockels, der große Abbrüche aufwies. Da stand eine Figur ohne linken Unterarm und Lorbeerkranz; Teile vom zarten Faltenwurf ihres Gewands waren abgesplittert, verzogen die filigrane Einfassung.

Als am 15. Januar 2017 Schnee auf die offenen Bruchstellen des Kunstwerks rieselt, Feuchtigkeit ungehindert in Risse und Spalten zieht und der Wetterdienst Frost ansagt, ist die Kastanie schon beseitigt, die im Sturmtief "Barbara" auf das Denkmal stürzte. Offensichtlich krank? Dem muß Friedhofsverwalter Tillmann Wagner am 23. Oktober widersprechen. "Die innenliegende Fäulnis hätte nur mittels einer Probebohrung erkannt werden können." Ach so. Die Idee, mittels provisorischen Bretterverschlags weitere Schäden von einem international bedeutenden Denkmal abzuwenden, muß so absurd sein, daß der Mann vom Evangelischen Friedhofsverband die diesbezügliche Frage wortreich übergeht. Im Gegensatz zu der, warum man nicht unverzüglich sämtliche Bruchstücke gesichert habe: "Die Bruchstücke wurden sichergestellt", so Herr Wagner. Auf dem Sockelrand, wie am 120. Todestag Heinrich von Stephans, dem 8. April 2017, fotografiert? Damit jeder die Puzzleteile gedanklich in die freiliegenden Bruchstellen einpassen konnte? Oder als Souvenir sichern?

Nach einem Dreivierteljahr lautet Herrn Wagners frohe Botschaft, die Teile seien "wieder zusammengefügt worden und die Figur beinahe wiederhergestellt". Metallrestaurateure der auf Kirchenbauten spezialisierten Regensburger Firma Haber & Brandner haben die Gitter gerichtet. Aber warum dieser elende Verzug? "Die Figur befindet sich nicht in der Hand des Ev. Friedhofsverbandes. Der Zeitraum der Sanierung hat sich so lange hingezogen, weil wir vorerst die Finanzierung und die Zuständigkeiten klären mußten."

Wie es halt alle tun, denen sich zuständig zu fühlen unbequem ist. Oder die Angst haben, im Angesicht akuter Risiken auf eigene Faust logisch zu handeln.

Am 5. Oktober fiel nebenan auf dem Friedhof II der Jerusalems- und Neuen Kirche beim Sturmtief "Xavier" erneut eine Kastanie um. Wann das Ehrengrab des Berliner Stadtältesten August Hollmann saniert wird? Siehe oben.