15. September 2017

Morgen abend sei Schätzrunde, sagt Freund Gerald letzten Donnerstag. "Muß ich da wieder mit?" frage ich ohne blassen Schimmer, wovon er spricht. "Von müssen kann keine Rede sein, lieber Eike. Höchstens von anmelden müssen." Und zwar vor sechs Monaten zu 20 Euro pro Person. "Aber wenn du dir leisten kannst, bei Deutschlands berühmtester Kunstexpertin abzusagen …" Wie hieß noch mal die Dame? Gerald atmet durch: "Rezepazabel!" "Dreimal schwarzer Kater" entfährt es mir spontan. "Von wegen Hokuspokus, mein lieber Eike, Heide Rezepa-Zabel hat an der Humboldt-Uni promoviert!"

Ohne den traurigen kleinen Fernseher, den wir einst vom Flohmarkt retteten, wäre Gerald nie an "Bares für Rares" geraten. Wenn ich ihn recht verstanden habe, verhökern die Leute da ihren alten Tand meistbietend an windige Trödler. Damit die sie nicht übers Ohr hauen, geben Sachverständige zuvor Werturteile ab. "Ohne das ZDF würde kein Schwein Frau Turmbau zu Babel kennen, richtig?" Das sei denkbar, weicht Gerald aus, eins aber sei gewiß: "Du brauchst dringend positive Erlebnisse!"

Den Quatsch hat er von einer Psychotante, deren Namen ich mir auch nicht merken kann. "Hier, von Frau Rezepa-Zabels Website", zückt er ein A4-Blatt. "Es bereitet größte Freude sich gegenseitig seine Schätze zu zeigen. In der 'Schätzrunde' können Sie immer Neues und Interessantes erfahren über Ihre und andere Lieblingsstücke, Pretiosen, Kuriositäten, Artefakte, Objekte des täglichen Gebrauchs oder Kurioses, Schmuck", lese ich. "In zwangloser Runde können Sie Ihre Fragen stellen und dabei Allgemeines wie Spezielles erfahren."

Freitag um halb fünf gibt's im Museum der Dinge statt "Ich darf mich kurz vorstellen" ein lockeres "Hallo". Welche absurde Idee auch, einer der fünfzehn Gäste wüßte nicht, wer die schlanke Fünfzigerin in Hose und blauer Bluse ist, der man sogleich zwei gelbe Glasgefäße vorsetzt. "Zueinander gehören die nicht." Das achteckige mit Deckel stamme vom Frisier-, das Jugendstil imitierende Kännchen eher von einem Kaffeetisch der 30er Jahre. Den im Todesurteil "Preßglas" Vereinten bleibt wie der Besitzerin der schwache Trost, noch um 1915 habe es Mut erfordert, Einrichtungskonzepte mit solch farbigen Einzelstücken zu stören.

"Edelmetalle heißen aus gutem Grund so." Zu früh frohlockt der Eigentümer: "Sie laufen nicht so schnell dunkel an." Flugs reicht sie dem süßsauer Blickenden seinen pechschwarzen Siegelring zurück: "Wobei man auch aus Kupfer schöne Dinge machen kann." Auf Initialen wird ein Gestiefelter Kater abgesucht ein Talisman mit origineller Werkstoffkombination. "Nach 1945 nahm man, was da war, so entstanden seltsame Marriagen." Der königsblaue Stein eines Goldrings erweist sich als gediegener Lapislazuli; zwischen Edel- und Halbedelsteinen zu unterscheiden sei jedoch unwissenschaftlich.

Glitzerzeug kommt ans Licht und die Gastgeberin in Fahrt. Ich lerne, daß echte Perlen klein, unbezahlbar und nach dreißig Jahren stumpf sind, Zuchtperlen erst nach 1890 einem Kokichi Mikimoto gelangen, man Diamanten dank guter Wärmeleitfähigkeit mit Zunge oder Lippen von kalten Glasimitaten scheiden und "lupenrein" nennen kann, wenn in zehnfacher Vergrößerung keiner der stets vorhandenen Einschlüsse erkennbar ist.

Derweil ich die Vokabel "lipophil" abspeichere, rumort's im Saal. "Wenn es so weitergeht, kommen nicht mehr alle dran!" Jeder darf nur noch ein Objekt vorlegen, wird vereinbart. Das Männerpaar vis-à-vis hält sich dran; Uropas geschnitzte bayrische Tabakpfeife erzielte in Übersee hunderte Dollar, so Frau Rezepa (deren Zabel ein Steuerberater beisteuerte), bevor das Silbernetz eines Pariser Theatertäschchens ihre Finger umschmeichelt. Hat die zuletzt reingeplatzte Klunkern-Else im schwarzen Pelz doch eiskalt drei Anhänger auf eine Silberkette gefädelt! Daß sich all ihre fetten Bernsteine als Plasteklumpen erweisen recht so!

Von Laienhand stamme diese braun gerahmte Kreidezeichnung. "Nein", insistiert eine Doppelgängerin der Faßbinder-Muse Irm Hermann, "die Restauratorin ist sicher, es war ein akademischer Maler!" Ein solcher, wendet die Expertin ein, hätte selbst einem so jungen Kind Charakterzüge verliehen, das Gesichtchen sei aber nur niedlich wie der falsche Hase daneben. Dem verkannten Karnickel folgt ein Raucherset vom Landser-Stammtisch, dessen edelste Teile zwei Keilerhauer und ein Gasmaskendeckel sich wundersam der Mülltrennung entzogen haben. Gerald erhält schließlich den Rat, das Emaille-Zifferblatt seiner hundertjährigen Taschenuhr mit Knoblauch zu polieren.

Dieses positive Erlebnis heißt Schätz- und nicht Selfie-Runde, denke ich und halte, als das Männerpaar sein Foto zu Dritt im Kasten hat, noch rasch die zwei wuchtigen Topase aus dem Erbe meiner Freundin Anne hin. "Rauchquarze sind" der unvollendete Satz, mit dem mich Heide Rezepa-Zabel stehen läßt. "Ein Autogramm bitte, Frau Doktor!"

1. September 2017

Ob in Sizilien Strauße gezüchtet werden, war mir, als es das "Frantoio" in der Zossener Straße 15 noch gab, ziemlich egal. Und daß die rustikale Trattoria mit ihrer roten Markise und gelben Leuchtreklame als erstes Lokal Berlins Straußenfleisch auftischte, nahm ich allenfalls als letzten Schrei zur Kenntnis: Das afrikanische Laufgeflügel war damals, vor 19 Jahren, in aller kulinarisch gelangweilten Neureichen Munde. Mich indes ließ selbst die stadtbekannte "Pizza Emiliana" kalt. Aber Tagliatelle al Gorgonzola? Molto bene!

Unter gnädigeren Umständen wäre der Familienbetrieb diesen Sommer zwanzig geworden. Doch ein Baugerüst hatte allzulange den zum Trottoir hin offenen Gastraum mit dem holzgefeuerten Steinofen verdunkelt und das nach einer weitverbreiteten Olivensorte benannte "Frantoio" unsichtbar gemacht.

Was ihm folgte, stellte sich so dar: "Die Modewelt hatte schon immer eine magische Anziehungskraft auf Riccardo Cartillone. Mit 18 Jahren erwachte sein Tatendrang und er verließ seine Heimat Sizilien. Im Jahr 1978 kam er nach Berlin und krempelte fortan die Welt der Schuhe in der deutschen Kapitale um." Ich, die heimliche Imelda Marcos von Kreuzberg, dürfte nicht die einzige gewesen sein, der die Edelbotten zu teuer waren, obwohl sie bestens zu meinem langen Geläuf und Schottenmini gepaßt hätten. 2012 zog Cartillone aus und 2014 "Lady M." ein samt 6000 Büstenhaltern in 76 Größen. Eine "Pizzeria Alte Forno" wird demnächst die Nobelboutique ablösen die Filiale einer Burger-Kette.

Freitag abend warten wir, abgekämpft und hungrig von einer Tagesreise, am Tisch vor "Rizzo's Italian Street Food" auf unsere Pizzen. "Irgendwie haben wir Pech mit Italienern", stöhnt Freund Gerald, dem ich die Frantoio-Story zum x-ten Mal zumute. "Oh ja", sage ich, "Bergmannstraße, Parlamento degli Angeli …" Angewidert verzieht er das Gesicht: "Trocken Brot und nicht benutzte Bestecke und Servietten vom Nebentisch!" Dafür habe es im "Vicolo Cucina Italiana", Bergmann- Ecke Zossener, fein geschmeckt, wende ich ein, und daß man sich mittags deren sizilianische Spezialitäten gut leisten konnte. "Im Prinzip", gibt er zurück und höhnt: "Pizza? So früh schon den Ofen anheizen? Nein, Pizza erst ab 17 Uhr." Hatte ich glatt vergessen; ich bin halt nicht so der Pizza-Typ.

Da fällt mir Vincenzo Salatino ein. Es gab ein einziges Gericht, das Gerald in dessen apulischem Ristorante "Da Enzo" bestellte. "Wie oft wurde ich abends zum Chamissoplatz getrieben, bloß wegen deiner Pizza Salmonelle!" "Salmone", korrigiert er mich, "köstlich!" Von wegen Pech mit Italienern, sage ich und schwärme, welch tolle Musik dort lief, von Mina über Branduardi bis Nannini. "Na", kommt es zurück, "und wie oft bist du bei dem Gedudel von deinem Pasta-Teller satt geworden?" Ein wunder Punkt. Signore Salatino, der sich gern zu den Gästen setzte, um zu plaudern, bedauerte jedesmal zutiefst, daß die Portion zu klein gewesen war. "Nächstes Mal bekommen Sie die doppelte Menge", versprach er, bis nach fünf Jahren einer von uns aufgab: Und zwar er am 13. Juni 2014 sein Lokal.

"Ob dieser Rizzo sich endlich halten wird?" Immerhin hält sich Dario Rizzo seit dem 6. Juni und hat, was all seinen Vorgängern mißlang, täglich geöffnet. Die Eisdiele, die vor der zuletzt hier gescheiterten mediterranen Feinkost von "Süß & Salzig" Mieterin des winzigen Ladens war, hatte meistens und erst recht an heißen Tagen zu! Daß mir das Milchprodukt in deren Vitrine uralt zu sein schien, vertraute ich dem Deutsch-Sizilianer kurz nach Eröffnung der Pizzastube an, worauf er beteuerte: "Bei mir ist alles frisch!" Sonnabend sei Einkaufstag, er probiere gern neue Rezepte aus und führe auch Focaccia, Pannini, Antipasti und Süßes.
"Dein Rizzo ist bald wieder weg", orakelt Gerald, während wir von draußen beobachten, wie er Pizza in den Ofen schiebt. Warum er da so sicher sei? "Ganz einfach: Wenn es läuft, wird er etwas suchen, in das mehr als drei Tische passen. Wenn nicht, geht er pleite."

Jetzt frischt der Wind auf, es wird duster. Durch die ersten Tropfen kommt ein erschöpfter, dürrer Junge angeradelt, schnallt den riesigen "Foodora"-Würfel vom Rücken und übernimmt drei flache Pappkartons. Er verstaut sie und ist schon klatschnaß. Als er im Haustor mit klammen Fingern die Rechnung in eine wasserdichte Tüte zu schieben sucht, wird er in apartem Englisch angeherrscht: "When will you drive the pizza? Today or tomorrow?"

Blitze zucken, Donner grollt, das Unwetter ist direkt über uns. Während wir unsere Teller nach drinnen retten, jagt der eingeschüchterte Foodora-Boy durchs dichte Geprassel davon.

Nein, an mir soll "Rizzo's" nicht scheitern. Möge der schöne Dario noch lange staunen über mein heftiges Trinkgeld und darüber, daß wir nur mehr vorbeilaufen. When will you drive the pizza? Irgendwie haben wir Pech mit Italienern.